zufällige Doku

Quarks & Co – Der Nocebo-Effekt (WDR Doku)


Wie der Glaube an ein Medikament dessen Wirkung erst ermöglicht, hat die Neurologin Ulrike Bingel am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf untersucht. Dazu machte sie ein einfaches Experiment: Sie verteilte zwei Salben auf den Unterarm der Versuchsperson und sagte ihr, dass die eine Salbe ein neues Schmerzmedikament sei und die andere eine Placebosalbe. Anschließend überprüfte die Wissenschaftlerin die Schmerzempfindung der Testperson mit Hilfe einer kleinen Hitzeplatte am Unterarm, die langsam bis an die Schmerzgrenze erwärmt wird. Tatsächlich gaben die Versuchspersonen an, bei der angeblichen Schmerzsalbe, weniger Schmerzen empfunden zu haben als bei der Placeobsalbe. Dabei enthielt in Wahrheit keine der beiden Salben einen echten Wirkstoff. Allein die Erwartung der Patienten hatte zu einer deutlichen Reduzierung der Schmerzen geführt. Es handelte sich um einen Placebo-Effekt. Von 80 Versuchsteilnehmern zeigten 60 solch einen Effekt. Es blieb allerdings die Frage, ob die Versuchsteilnehmer sich die Schmerzlinderung durch die Salbe lediglich einbildeten oder vielleicht sogar falsche Angaben über ihre empfundenen Schmerzen machten.

Um dieses Rätsel zu lösen, wiederholte Ulrike Bingel das Experiment in einem Kernspintomographen. Diesmal konnte sie die Aktivierung in den Schmerzzentren des Gehirns genau verfolgen. Eine starke Aktivierung bedeutet, dass ein Patient tatsächlich starke Schmerzen empfindet, eine schwache Aktivierung signalisiert weniger Schmerzen. Die Auswertung der Kernspinbilder lieferte ein eindeutiges Ergebnis: Die Angaben der Versuchspersonen waren korrekt. Sie empfanden tatsächlich bei der Salbe ohne Wirkstoff eine deutliche Linderung ihrer Schmerzen. „Das ist ein ganz wichtiger Befund gegen den Vorwurf, dass es sich bei Placebo-Effekten um eingebildete Effekte handelt“, meint Ulrike Bingel.

Nocebo – wenn negative Erwartungen Schmerzen verursachen

Ob umgekehrt negative Erwartungen Schmerzen verstärken können, untersuchte die Neurologin in einem weiteren Experiment. In drei verschiedenen Durchgängen ihres Tests blieb alles unverändert. Nur die Versuchsperson bekam unterschiedliche Informationen. Für das Experiment verwendet Ulrike Bingel diesmal ein hochwirksames Schmerzmittel, das über einen Tropf verabreicht wird. Dieses sogenannte Opiat, kann normalerweise jeden Schmerz so gut wie ausschalten. Das zeigte sich auch im ersten Durchgang des Experiments, bei dem die Neurologin der Versuchsperson sagte, dass sie ihr ein Schmerzmittel verabreicht, während sie wieder über die Hitzeplatte am Arm einen Schmerzreiz auslöste. Tatsächlich gaben die meisten Versuchspersonen an, kaum etwas zu spüren. Im zweiten Durchgang lief wieder dieselbe Menge Opiat in die Vene der Testperson. Allerdings behauptete die Ärztin nun, sie hätte das Schmerzmittel abgestellt und auf eine völlig wirkungslose Kochsalzlösung umgestellt. Ohne dass der Proband davon wusste, lief das Medikament jedoch weiter in seinen Körper. Doch diesmal schien es kaum zu wirken: Die Versuchspersonen empfanden fast genauso starke Schmerzen wie ohne Medikament. Auch im dritten Durchgang des Experiments erfuhren die Testpersonen nicht, dass sie weiterhin das starke Schmerzmittel erhielten. Zusätzlich kündigte Ulrike Bingel ihnen aber an, dass sie nun einen größeren Schmerzreiz auslösen würde. Tatsächlich aber veränderte sie nichts. Auch dieses Mal empfanden die Versuchspersonen einen fast genauso großen Schmerz wie ohne das Medikament. Ihre negativen Erwartungen hatten die Wirkung des Schmerzmittels praktisch ausgeschaltet. Das einzige, was die Ärztin in den verschiedenen Durchgängen des Experiments tatsächlich verändert hatte, war die Erwartung ihrer Versuchspersonen. Wenn Erwartungen zu Schmerzen oder anderen Symptomen führen sprechen Ärzte vom sogenannten „Nocebo-Effekt“. Er ist quasi der „böse Bruder“ des Placebo-Effektes und spielt in der Medizin wahrscheinlich eine genauso wichtige Rolle.

Wie wirkt der Nocebo-Effekt im Gehirn?

Auch dieses Experiment wiederholte die Ärztin im Kernspintomographen. Das Ergebnis war eindeutig. Die Angaben der Versuchspersonen stimmten mit der Aktivierung in ihrem Gehirn überein. Die Erwartungen eines Menschen können also die Aktivität der Schmerzzentren des Gehirns beeinflussen und so zu stärkeren Schmerzen führen. Das spielt nach Meinung von Ulrike Bingel im medizinischen Alltag oft dann eine Rolle, wenn Patienten mit chronischen Schmerzen schon oft die Erfahrung gemacht haben, dass eine neue Therapie nicht wirkt. Sie haben dann bei jedem neuen Therapieversuch die Einstellung, dass es vermutlich wieder nicht wirken wird. Und ohne den Glauben an die Wirkung eines Medikaments, kann anscheinend auch das beste Schmerzmittel keinen Schmerz lindern.